Buchhandlung Kilgus


Das Fremde Meer

Katharina Hartwell erzählt in ihrem Roman „Das Fremde Meer“ die Geschichte von Marie und Jan. Diese Geschichte einer Liebe scheint zunächst völlig unspektakulär zu sein; dann aber entführt die Autorin ihre Leser zu den verschiedensten phantastischen Orten:
Zum Beispiel in die Salpêtrière zu einem Mädchen, das hysterische Anfälle hat, oder in den Winterwald, in dem eine Prinzessin zum Ritter wird, um einen Prinzen zu retten. Auf die Evicon 23, ein Schiff, auf dem die Toten ihre letzte Reise antreten, und in einen seltsamen Zirkus, in dem Ghostboy die Hauptattraktion ist: Ein Junge, der vor den Augen der Zuschauer ertrinkt. Und letztendlich ist alles die gleiche Geschichte: Marie und Jan in neun verschiedenen Erzählungen.
Die Geschichte der Rettung Maries durch Jan.

Die Liebe zwischen Marie und Jan besteht aus so vielen Details, dass man sie nicht nur einmal erzählen kann. In jeder Geschichte wird gerettet, geliebt, vertraut und geholfen.

Am Anfang hängen die Geschichten nicht zusammen, das Buch liest sich wie ein Lesebuch mit vielen verschiedenen Erzählungen. Aber nach einiger Zeit erkennt man immer mehr Details: Zum Beispiel tauchen immer wieder die Namen Merwin und Corwin auf oder die Abneigung einer Person, Fisch zu essen. Und in jeder Geschichte wird aufgegriffen, dass Jans Vater verschwunden ist.
Gleichzeitig hängt über jedem dieser Märchen ein beängstigender Schatten, der die Handelnden bedroht. Mal ist es der Jäger im Winterwald, mal der Taucher, der die Menschen mit auf den Meeresboden zieht, aber immer ist es eine namenlose Angst, die allgegenwärtig ist.

Katharina Hartwells Sprache ist beeindruckend, verzaubernd: Sie ändert ihren Stil nie komplett, aber je nach der Gegend, in der die aktuelle Geschichte spielt, und je nach dem Genre, dem sie angehört, lassen sich leichte Nuancen erkennen, die jeder Geschichte ihren eigenen Klang geben. So ist die Sprache wie ein roter Faden, der durch die zunächst verwirrenden und scheinbar ungeordneten Erzählungen führt.

Ein weiterer roter Faden lässt sich erkennen: Alle Geschichten haben kein Ende. Das Kapitel ist plötzlich aus, man weiß nichts über das Schicksal der Hauptpersonen. Aber das fremde Meer ist immer präsent: Immer wieder stürzen Personen ins Meer, und immer wieder werden in den darauf folgenden Geschichten Personen ohne Erinnerungen vom Meer ausgespuckt und an den Strand gespült.

Katharina Hartwells Debütroman ist ein ungeheuer komplexes Buch, das den Leser fesselt und ungeahnte Tiefen des menschlichen Denkens aufzeigt. Diese literarische Glanzleistung ist nur zu empfehlen.

Ein Buch voller Geschichten über Liebe, Treue, Mut, Neuanfang und gerettet werden; und all diese Geschichten zusammen, die Kraft der Erzählungen, retten (vielleicht?) ein Leben.
Wer weiß – vielleicht kann auch dieses Buch retten?
Autor/in: Katharina Hartwell
Erscheinungsjahr: 2013
Rezensionist/in: SH.